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Die Ethik des Fotos - Warum ich mehr Bilder ablehne als aufnehme

Die Ethik des Fotos - Warum ich mehr Bilder ablehne als aufnehme

Neun Tage nach einer Session erreichte mich eine Nachricht, von einem Gast, der sich sorgfältig und bei Tageslicht dafür entschieden hatte, fotografiert zu werden. 'Würdest du die Bilder löschen? Es ist nichts passiert. Ich habe im Zug nur noch einmal darüber nachgedacht, und mir wäre lieber, es gäbe sie nicht.' Ich habe sie am selben Abend gelöscht und eine Zeile zurückgeschrieben, um die Löschung zu bestätigen. Mir war keine Begründung geschuldet, und es wurde auch keine verlangt. Das ist im Grunde meine ganze Regel zu Fotos, und sie gehört an den Anfang und nicht ans Ende: Eine Absprache über Bilder ist eng gefasst, sie ist von jeder anderen Absprache getrennt, und sie endet in dem Moment, in dem die Person, die sie gegeben hat, es sich anders überlegt.

Neben der Studiotür steht eine kleine Holzschale. Telefone kommen dort hinein, mit dem Display nach unten, bevor irgendetwas beginnt, und manche Gäste lachen über die Förmlichkeit dieser Geste, bevor sie das Gerät ablegen und spüren, wie sich etwas in ihren Schultern löst. An manchen Abenden halte allerdings ich selbst eine Kamera in der Hand. Seilarbeit fotografiert sich schön, und Bilder reisen weiter als jede Beschreibung, die ich schreiben könnte. Ein Studio, das nie etwas veröffentlicht, wird unsichtbar; ein Studio, das unachtsam veröffentlicht, wird gefährlich. Beide Fehler sind real, und der zweite ist nicht reparabel. Die Frage lautet in dieser Arbeit also nie, ob aufgezeichnet wird. Sie lautet: wer entscheidet, wie eng gefasst, und für wie lange.

Berlin macht das konkret. Zu meinen Gästen gehören Menschen, deren Gesichter in Gerichtssälen, Klassenzimmern, Kliniken und Vorstandsetagen bekannt sind. Manche sind auf eine Weise verheiratet, der ihre Ehe zugestimmt hat. Andere sind schlicht privat, so wie es jedem Menschen zusteht. Ein Foto eines Seilgeschirrs ist für mich nichts Skandalöses. Im falschen Postfach beendet es eine Karriere, eine Sorgerechtsregelung oder eine dreißigjährige Freundschaft.

Hier liegt die Unterscheidung, die die meisten übergehen. Die Zustimmung zu einer Session und die Zustimmung zu einem Bild sind zwei verschiedene Vereinbarungen. Sie werden von verschiedenen Teilen eines Menschen getroffen und tragen verschiedene Risiken. Wenn ein Gast einwilligt, gefesselt zu werden, bleibt die Folge im Abend und im eigenen Körper. Wenn ein Gast einwilligt, fotografiert zu werden, wandert die Folge in Dateisysteme, in Backups, in die seltsame Dauerhaftigkeit von allem, was einmal kopiert wurde. Das Erste endet mit einem Wort. Das Zweite nicht.

Deshalb wird die Bildabsprache getrennt getroffen, in nüchterner Sprache, bevor Erregung den Raum betritt. Was ist im Bild. Was wird beschnitten. Wo darf es erscheinen, und wo niemals. Ob Gesicht, Tattoo, Ehering oder eine markante Wand im Hintergrund sichtbar sein dürfen. Vage Erlaubnis ist keine Erlaubnis. 'Du kannst es verwenden' ist ein Satz, mit dem ich nicht arbeite, weil er mir eine Entscheidung überlässt, die nie meine war.

Der Zeitpunkt eines Ja wiegt so schwer wie sein Inhalt. Ein Ja, das in der goldenen halben Stunde nach einer Szene gesprochen wird, ist nicht wertlos, aber es ist auch nicht belastbar. Das Nervensystem ist dann großzügig; es stimmt Dingen zu, die dieselbe Person am Montagmorgen anders abwägen würde. Also wird die Zustimmung zu einem Bild später bestätigt, in einer schlichten Nachricht, Tage danach. Wird sie nicht bestätigt, hat sie nicht stattgefunden. Und sie kann jederzeit zurückgenommen werden, aus jedem Grund, ohne Begründung.

An dieser Stelle hört Diskretion auf, eine Höflichkeit zu sein, und wird zur Berufspflicht. Sexarbeit ist in Deutschland legal, und sie ist weiterhin stigmatisiert, und genau diese beiden Tatsachen zusammen erzeugen das ganze Problem. Forschung aus mehreren europäischen Ländern findet immer wieder dasselbe Muster: Der Schaden entsteht selten durch die Arbeit selbst, er entsteht durch Sichtbarwerdung. Deshalb sind Standards zu Daten, Bildern und dem Schutz von Gästen ein aktives Thema beim BesD, dem deutschen Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, einer Organisation, die genau dieses Argument seit Jahren öffentlich vertritt. Diskretion ist Infrastruktur.

Die Risikorechnung ist asymmetrisch, und diese Asymmetrie wird unterschätzt. Ein gutes Foto schenkt einem Gast ein Erinnerungsobjekt, einen privaten Beweis, dass der Abend wirklich war. Ein schlechter Ausgang schenkt ihm ein Gespräch mit einer Arbeitgeberin, einem Anwalt oder einem Kind. Die eine Seite dieser Bilanz ist ein Vergnügen. Die andere Seite ist ein Leben. Ehrlich abgewogen lautet die vernünftige Antwort meistens nein, und ich habe gelernt, sie auszusprechen, bevor der Gast es tun muss.

Darum lehne ich weit mehr Fotos ab, als ich mache. Nicht aus Vorsicht als Pose, sondern weil die meisten sehr wenig hinzufügen und sehr viel kosten könnten. Manche Abende verdienen ein Bild. Die meisten verdienen es schlicht, stattgefunden zu haben. Ablehnen ist selbst eine Form der Fürsorge: Es nimmt dem Gast den leisen Druck, eine Offenheit zu zeigen, die er gar nicht will.

Die Schale neben der Tür bleibt, wo sie ist. Was im Raum geschieht, tragen zwei Menschen und der Raum, und das genügt in der Regel. Erinnerung ist ein schlechtes Archiv und ein hervorragendes; sie verblasst, sie verzerrt, und sie gerät nie nach draußen. Wenn du ein öffentliches Leben führst, sag es mir am ersten Abend. Du wirst kein zweites Mal danach gefragt, und nichts wird aufgezeichnet, was du nicht bei Tageslicht gewählt hast.

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